Biografie

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Bobes, wie ihn seine Mutter nennt, wächst als jüngstes von drei Kindern am Heckenweg, im Berner Steinhölzli auf. Der Vater ist ein charmanter Tunichtgut, die Mutter bringt die Familie mit Putzen und Waschen über die Runden.

«Mein Vater hat sich nie um uns gekümmert, meine Mutter hat uns erzogen.»

Mit fünfzehn Jahren ist Fredi St. seine sexuelle Orientierung klar. Er freundet sich mit reichen, gebildeten Homosexuellen an. In Basel wird er bei Fredi Spillmann, dem bekannten Stylisten und Modeschöpfer, eingeführt.

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«Die haben mich eingeladen. Da war ich in der 9. Klasse, sah aber älter aus. Als ich die Wohnung betrat, eröffnete sich mir eine neue Welt: das ist es, was ich will!»

Fredi, welcher «in der Schule total Probleme hatte», findet im Warenhaus EPA eine Lehrstelle als Dekorateur. Über die Wochenenden lädt ihn Werner Bandi, ein reicher Amateurfotograf aus Spiez ins Berner Oberland oder nach Ascona ein.

«Werner Bandi sah aus wie Heinrich Gretler, er hat Fotos gemacht, auch Nacktaufnahmen.»

Von seinen homosexuellen Gönnern, den Stylisten, Bildhauern, Tänzern oder Ärzten, profitiert der junge Mann enorm. Er entwickelt einen eigenen Geschmack und spricht bald mehrere Sprachen.

Nach der Ausbildung findet er sofort Arbeit als Dekorateur in einem kleinen Warenhaus in Tramelan. 1953, nach einem Aufenthalt in Basel und einer kurzen Anstellung bei Loeb, wird er als 25-Jähriger Chefdekorateur des Modehauses Weilenmann in Bern und hat mehrere Angestellte.

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Wenig später macht er sich selbständig und wird bald zum Star unter den Berner Dekorateuren, gestaltet Schaufenster für Ciolina, Beldona, das Musikhaus Krompholz, Gygax Lederwaren, Zuberbühler, Büchler Pelze und viele andere. Bob, wie ihn jetzt alle nennen, wohnt und arbeitet in der unteren Altstadt. Er gehört zum »Berner Kuchen». Die Parties und Maskenbälle, zu denen er einlädt, sind legendär. Er liebt polyamourös und hat viele – meist homosexuelle – Affären.

«Meret (Oppenheim) lebte bei mir in der Gerechtigkeitsgasse… Es war eine riesige Wohnung, da gab es viele Feste. Meret und Eliane waren bi, viele Männer, die auch bi waren, wollten mit uns ins Bett. Ich könnte dir Namen sagen, da würdest du Kopf stehen!»Bob_Steffen FELIX017

An einem Tanzanlass in Basel – einer Kopie der «Ballet nègres» von Catherine Dunham – verliebt er sich in den afroamerikanischen Tänzer Felix Mendelssohn White, lebt aber weiterhin sexuell sehr freizügig.

«Die Schwulen hier können nichts mit mir anfangen, eher Ausländer. Im Ausland ist es anders, ich hatte nie einen Schweizer Freund, ja gut, als ich jung war, da hatte ich einen, der mein Vater hätte sein können, mit dem war ich 20 Jahre lang. Daneben konnte ich machen was ich wollte, das war eine offene Beziehung!»

Bob_Steffen Felix NYBob Steffen ist sein Leben lang überall auf der Welt zuhause. 1961 lebt er mit Felix fast ein Jahr in New York und unternimmt mehrere Reisen in die Karibik. Von Bern aus macht er regelmässige Abstecher nach Paris und Amsterdam, wo er ein häufiger Gast in Künstler- und Schwulenlokalen ist.

Beruflich läuft es in dieser Zeit wie am Schnürchen, er verdient reichlich Geld. Besonders als er ab 1968 bis Mitte der 1980er Jahre den Pavillon «Création» an der Mustermesse Basel für die Schweizer Textilindustrie gestaltet. Sein Atelier «Art Decor» für Schaufenster und Ladeneinrichtungen läuft prima, er hat Angestellte und bildet Lehrlinge aus.
«…von den 1970ern bis in die 1990er lief beruflich alles bestens: ich hatte ein Haus in Spanien und war viel in Barcelona.» Bob_Steffen MUBA_MB

Kurz nachdem die Mutter 1986 stirbt, erleidet Bob einem Herzinfarkt und beginnt etwas kürzer zu treten. Die gloriosen Zeiten der Berner Schaufensterdekoration sind Geschichte. Das Haus in Spanien steht zum Verkauf. Er verreist mittlerweile «pauschal» nach Nordafrika oder Asien, sexuellen Abenteuern ist er nach wie vor nicht abgeneigt.

«Ich arbeitete bis ich zweiundsiebzig war… ich hätte bis achtzig weiterarbeiten können, die Krisen begannen mit achzig, Krankheiten…» 

Heute fragen wir uns, wie er das alles geschafft hat: ein intensives Privatleben, lange Reisen in ferne Länder – und beruflichen Erfolg! Alkohol und Aufputschmittel haben sicher geholfen. Bob hatte aber auch ein gutes Händchen in der Wahl seiner Mitarbeiterinnen, Lehrlingen und Mitarbeiterinnen. Er hat sie häufig von der Strasse weg engagiert, an Vernissagen oder an einer Party kennengelernt und gleich für sich eingespannt.bob_steffen_reisen_5

 

Textquellen aus Interview:
 Veronika Minder und Katrin Barben, Video VHS, Bob Steffen (Bern, 2000)

 
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